Spielothek
benjamin am 30.11.2009

Am 15. August wurde die umgebaute BayArena gegen Hoffenheim eingeweiht. An dieser Stelle werfen wir einen Blick auf die neue alte Spielstätte der Werkself. Ist sie immer noch das Schmuckkästchen der Liga?
“Size doesn’t matter!” Durch schiere Größe wusste die BayArena nie zu überzeugen. Mit Platz für gut 30.000 Zuschauer ist sie immer noch eines der kleinsten Stadien der Liga. Viel mehr verdankte die Spielstätte von Bayer Leverkusen ihren guten Ruf dem hohen Komfort, der modernen Bauweise und dem scheinbar immer perfekten Rasen. Daher werfen wir die Frage auf, ob es Architekt Hans Dannenberg, der schon den ersten Umbau plante, gelungen ist, das Schmuckkästchen-Feeling zu konservieren.
Zuerst ein kurzer Exkurs. Als Rudi Völler noch Teamchef der deutschen Nationalmannschaft war und die WM 2006 nach Deutschland vergeben wurde, war geplant, dass aus der BayArena das Trainingsstadion der Nationalmannschaft werden sollte. Die Pläne für einen Umbau lagen schon bereit. Doch dann übernahm Jürgen Klinsmann den Posten und beschloss, dass die Nationalmannschaft ihr WM Quartier in Berlin aufschlagen wird. Somit verschwanden die Umbaupläne erst mal wieder in den Schubladen.
Bruchlandung in Düsseldorf
Im März 2007 sah die Bayer AG dann aber ein, dass 22.500 Zuschauer für eine Spitzenmannschaft der Bundesliga einfach zu wenig sind. Es wurde grünes Licht für die Optimierung und Erweiterung der BayArena gegeben. Im Dezember 2007 erfolgte bereits der erste Spatenstich.
Nach den Plänen von Architekt Hans Dannenberg wurden nach und nach alle vier Tribünen abgerissen und neu aufgebaut. Dazu liegt jetzt ein zweiter Rang auf den anderen Tribünen, wodurch das Fassungsvermögen um knapp 7.500 Plätze gesteigert werden konnte.
Zunächst sollte ähnlich wie in Köln oder jetzt in Bremen und Stuttgart der Umbau während des laufenden Spielbetriebes geschehen. Doch die Absicherung alle zwei Wochen an Spieltagen wären zum einen zu kostenintensiv gewesen und zum anderen hätten sie die Fertigstellung hinausgezögert. Also absolvierte Bayer Leverkusen die Rückrunde 08/09 in der Düsseldorfer LTU-Arena (jetzt Esprit-Arena). Dort konnte sich die Werkself immerhin über einen Erfolg im DFB Pokal gegen Bayern und einen Sieg gegen Gladbach freuen. Alle anderen Spiele endeten unentschieden oder der Gast nahm gleich alle drei Punkte mit.
Bayer umweltbewusst
Seit August 2009 spielt Bayer Leverkusen nun wieder in der BayArena und ist dort bis zum 14.Spieltag ungeschlagen. Was hat sich nach dem Umbau verändert? Das neue Stadiondach hat einen Durchmesser von 217 Metern und wäre Hochkant gestellt höher als der Kölner Dom. Getragen wird das komplette Dach von nur acht Pylonen. Es besteht also keine direkte Verbindung zum Stadion selber. Theoretisch könnte man das komplette Stadion auch einfach unter dem Dach wegschieben. Nur über Sinn und Zweck einer solchen Aktion müsste man sich noch mal Gedanken machen.
Das Regenwasser, welches auf die 28.000 Quadratmeter des Daches niederfällt, wird durch ein Leitsystem aufgefangen und wiederverwendet. So werden fast 80 Prozent des benötigten Wasser für die Rasenpflege aus dem gesammelten Regenwasser gewonnen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich knapp 30 Gärtner um den Rasen und die Pflanzen in und außerhalb des Stadions kümmern. Ihr Chef, Dieter Prahl, ist der Guru in Sachen Rasenpflege deutschlandweit. Er begleitet zum Beispiel auch die deutsche Nationalmannschaft bei ihren Trainingslagern und kümmert sich dort um die Spielflächen.
Fans stehen auf Bayer
Neben dem neuen Dach und dem neuen Tribünenring gibt es eine ganz wichtige Neuerung für die hartgesottenen Bayer-Fans. Endlich dürfen sie wieder stehen. Die „alte“ BayArena war ein komplettes Sitzplatzstadion.
Doch der wahre Fan steht! Leverkusener wollen auch mal wahre Fans werden. Der erste Schritt auf dem Weg war also die Einrichtung von einem Stehplatzbereich, sowohl für die Heim- wie auch für die Auswärtsfans. Bei internationalen Spielen müssen die Stehplätze in Sitzplätze umgewandelt werden, dies ist aber wie in allen anderen modernen Stadien kein Problem.
Für die Spieler hat sich auch einiges getan. Die Umkleiden in Leverkusen waren früher so klein, dass die Spieler von Real Madrid sich dort nicht umziehen wollten. Erst ein Beauftragter der UEFA konnte die Königlichen davon überzeugen, dass es für sie besser sei, sich umzuziehen. Andernfalls wäre das Spiel zu Gunsten von Bayer Leverkusen gewertet worden. Nach dem neuerlichen Umbau dürfte es wohl kaum Beschwerden geben. Selbst die Gastmannschaft verfügt nun über großzügige, moderne Umkleidekabinen. Einen extra Raum für den Trainer und seine Assistenten und über einen kleinen Raum mit Kunstrasen. Dort kann man sich bei Bedarf schon frühzeitig warmlaufen.
Geschlechtertrennung
Weitsicht bewiesen die Verantwortlichen auch in Fragen der Schiedsrichter Betreuung. So gibt es in Leverkusen direkt zwei Schiedsrichterkabinen. Beide jeweils mit TV und Duschen ausgestattet. Mit Bibiana Steinhaus steht nämlich seit einiger Zeit auch eine Frau an der Seitenlinie. Bei Bayer ist man davon überzeugt, dass die Zahl der weiblichen Spielleiter noch steigen wird und hat deswegen eine zweite Schiedsrichterkabine eingerichtet.
Den Spielern der Werkself stehen 2.620 Quadratmeter zur Verfügung.
Dort sind neben den Kabinen noch Entmüdungsbecken und ein riesiger Physiobereich eingerichtet. Anders als bei den meisten Bundesligisten verfügt Leverkusen nicht über einen getrenntes Trainingsareal. Die BayArena ist ein Trainingsstadion, das heißt die Umkleiden und der Physiobereich wird nicht nur an Spieltagen genutzt und ist deswegen so großzügig gestaltet.
Kalte Füße für echte Fans
Kommen wir zurück zur Frage, ob die BayArena denn nur den Titel „Schmuckkästchen 2.0“ verdient hat. Die klare Antwort lautet: Nein! Die BayArena erhielt den Titel zu einer Zeit, da andere Stadien noch mit Wassergraben und Laufbahn die Fans vom Spielgeschehen fern hielten. Zudem war es das einzige Stadion in Deutschland, was nur Sitzplätze hatte. Im Winter wurden die Fans zusätzlich von Heizstrahlern verwöhnt, welche die Temperatur um bis zu 10 Grad steigern konnten.
Mittlerweile verfügen aber selbst Mannschaften aus der zweiten Liga über Stadien mit ähnlicher Größe und Komfort. Duisburg, Augsburg, Rostock und in der ersten Liga Wolfsburg und Hoffenheim zum Beispiel. Die anderen Stadien der Erstligisten sind zum Teil doppelt so groß und bieten ebenfalls beste Sicht aufs Spielgeschehen.
Dennoch ist die neue BayArena ein tolles Stadion. Sie verfügt über eine eigenständige Optik, welche in keinster Weise ihrer Funktion schadet. Dazu könnte sie helfen, den Spott zu mindern, den die Bayer Fans bundesweit über sich ergehen lassen mussten. Denn nun dürfen sie stehen und auch mal frieren, wenn im Winter der Wind durchs Stadion weht. Dieser Luxus, den nur ein echter Fan nachvollziehen kann, blieb ihnen zuvor verwehrt.
Stahlpreise verhindern Wahrzeichen
Die 70 Millionen an Umbaukosten wurden gut angelegt. Schade ist nur, dass durch gestiegene Stahlpreise auf dem Weltmarkt ein Detail nicht umgesetzt werden konnte. Ein riesiges Bayerkreuz aus LED’s sollte über dem Rasen schweben, doch dies hätte weitere 12 Millionen Euro gekostet und überstieg die veranschlagten Baukosten deutlich.
Wer selber gerne mal einen Blick hinter die Kulissen der BayArena werfen will, ist bei Stefan Pega und seinen Kollegen der BayArena Tour gut aufgehoben. Sie führen interessierte Besucher durch die neue Arena. Wichtig ist aber, unbedingt eine Minute für die Besichtigung der beiden Trophäen einzuplanen, die Bayer Leverkusen bis jetzt gewinnen konnte.
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